Gabriele Bender Das Russenauge
Selbst mit zwölf weiß man nicht alles
192 Seiten, Taschenbuch
8,01 €
ISBN 978-3-922750-92-5
Wann darf ein Mädchen Nylonstrümpfe tragen? Wieso sind Scheidungen und Selbstmord in der Nachbarschaft verboten? Warum wandeln Seelen durchs Erdbeerbeet? Über diese wichtigen Lebensfragen philosophiert die Enkelin mit ihrem Großvater. Und der erzählt ihr in trauten Ohrensessel-Sitzungen Geschichten von der Flucht nach Kriegsende und der Vertreibung aus seinem Paradies.
Gabriele Bender liest aus "Das Russenauge"
Zum Inhalt:
Großvater hatte oft zu mir gesagt, er glaube nicht, dass mit dem Tod alles zu Ende sei. Schließlich mache es uns die Natur vor, dass das Leben wieder von vorne beginnen würde. Die Natur, sagte er, habe schließlich bereits existiert, bevor der Mensch auch nur einen Fuß auf den Boden gekriegt hätte. Daher sei auf die Natur mehr Verlass, was das Beherrschen gewisser Regelmäßigkeiten angehe, so auch Anfang und Ende. Wobei er immer die Wortwahl dieser beiden Begriffe bedauerte, denn beide Wörter seien so hart und gefühllos. Als gäbe es, zack!, einen Anfang und, zack!, ein Ende. Doch das Gegenteil sei der Fall, es gehe hier um Fließen und um Weichheit, um lange und oft langsame Übergänge, die meistens leise daherkämen.
Ich war zwölf Jahre alt. Ja, in der Tat ein magisches Alter. Eben noch musste ich mir die verhassten Wollstrumpf-
hosen über die Beine wickeln, nach dem Essen immer den Tisch abräumen und spätestens um acht Uhr im Bett sein. Ich musste Großvater, der, wie durch Zauber von seinen Irrwegen angezogen, die Welt durchstreifte, wieder nach Hause bringen, nein, das hatte sich jetzt erledigt, nie mehr musste ich dieser Pflicht nachgehen. Ein Niemehr hatte es bis zu diesem Tag in meinem Leben noch nicht gegeben. Und irgendwann gab es keine Indianer mehr, die die Bleichgesichter jagten, keine Ritte durch den undurchdringlichen Wald auf unseren Zauberpferden. Was war aus meinen Freunden aus den Kindertagen geworden? Waren sie keine Kinder mehr? War ich kein Kind mehr? Ich war zwölf, und auch mit zwölf weiß man noch nicht alles, aber ab und zu blitzte etwas auf in meinem Kopf, das mir eine Ahnung vermittelte von dem, was sein konnte und was möglich war. Gabriele Bender